Wütend, laut und total normal – Warum emotionale Selbstregulation bei Kindern kein Knopfdruck-Projekt ist!
- Eva Tam -Systemische Kinderpsychotherapie

- 6. Apr. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Mai 2025

Willkommen in der Realität: Die meisten Eltern wünschen sich ein Kind, das ausgeglichen, höflich, selbstreflektiert und bitte immer emotional stabil ist – am besten schon mit drei Jahren. Ein bisschen wie ein kleiner Mönch mit Brotdose. Nur: So funktioniert kindliche Entwicklung leider nicht. Und zum Glück! Denn starke Gefühle gehören zum Großwerden dazu – sie sind keine Fehlfunktion, sondern ein ganz normaler Bestandteil der Reifung.
Was ist emotionale Selbstregulation überhaupt?
Emotionale Selbstregulation ist die Fähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen, zu benennen und schließlich so zu steuern, dass man weder sich noch andere damit überrollt. Erwachsene können das – na ja, meistens. Kinder? Noch lange nicht. Gerade im Vorschul- und Grundschulalter sind Gehirnareale wie der präfrontale Cortex noch „in der Mache“. Und das bedeutet: Wut, Trauer, Scham und Enttäuschung kommen oft wie Tsunamis.
"Kannst du dich bitte beruhigen?" – Warum das selten klappt
Viele Eltern glauben, Kinder könnten sich durch Ermahnungen („Jetzt beruhig dich doch mal!“) oder gut gemeinte Tipps („Zähl bis zehn“) schnell regulieren. Das wäre schön. Aber Kinder brauchen erstmal Co-Regulation – also die Unterstützung durch eine emotional stabile Bezugsperson. Nur wenn ein Kind regelmäßig erlebt, dass es mit starken Gefühlen nicht alleine bleibt, entwickelt es langfristig die Fähigkeit zur Selbstregulation.
"Ist das noch normal?" – Was in bestimmten Phasen dazugehört
Trotzphase (Autonomiephase): Zwischen 2 und 4 Jahren sind Gefühlsausbrüche an der Tagesordnung. Das Kind testet seine Grenzen – und entdeckt die eigenen Emotionen. Ja, das nervt. Aber es ist wichtig.
Grundschulalter: Hier lernen Kinder langsam, Gefühle zu benennen und ein bisschen Abstand zu ihnen zu gewinnen. „Ich bin wütend“ ersetzt das frühere Kreischen – manchmal zumindest.
Pubertät: Hallo, Hormonchaos. Selbstregulation ist in dieser Phase oft wieder stark herausgefordert – auch, weil das Gehirn nochmal umgebaut wird. Geduld ist hier kein Luxus, sondern Pflicht.
Wann wird es problematisch?
Natürlich gibt es auch Verläufe, bei denen eine emotionale Regulation dauerhaft schwerfällt – trotz guter Rahmenbedingungen. Das kann ein Hinweis auf:
eine Impulsstörung,
AD(H)S,
eine frühkindliche Traumatisierung oder
autistische Verarbeitungsmuster sein.
Auch familiäre Belastungen, hoher Stress, Trennungen oder dauerhafte Überforderung im Alltag können Regulation erschweren. Das zu erkennen, braucht oft Zeit – und ehrliche Gespräche.
"Kann man das wegtherapieren?" – Nein. Aber man kann daran wachsen.
Ein häufiger Wunsch: Ein paar Sitzungen, ein paar Tipps – und das Kind „funktioniert“ wieder. Aber Selbstregulation ist ein Reifungsprozess, keine App. Therapie, besonders wenn sie systemisch arbeitet, schaut nicht nur auf das Kind, sondern auch auf:
familiäre Interaktionen,
Eltern-Kind-Dynamiken,
Alltagsstrukturen, Belastungen, Ressourcen,
und das soziale Umfeld wie Schule oder Kindergarten.
Therapie kann Impulse geben, entlasten, Muster sichtbar machen – aber sie ist kein „Schnell-Entspannungsprogramm für auffällige Kinder“. Es geht um nachhaltige Entwicklung, nicht um Anpassung auf Knopfdruck.
Was man schon im Kindergartenalter beobachten kann
Es lohnt sich, genau hinzusehen, wenn Kinder:
sehr häufig „ausrasten“ und nicht mehr runterkommen,
sich gar nicht mehr beruhigen lassen (auch nicht von engen Bezugspersonen),
übermäßig ängstlich oder aggressiv reagieren,
starke körperliche Reaktionen auf Emotionen zeigen (Übelkeit, Atemnot, Erstarren),
keine Impulse bremsen können (z. B. sofort schlagen, schreien, weglaufen),
oder dauerhaft sozial auffallen (ständig in Konflikten, Rückzug, Ausschluss).
Dann ist es sinnvoll, frühzeitig Unterstützung zu holen – nicht aus Sorge um das „gute Benehmen“, sondern um das seelische Wohl des Kindes.
Fazit: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen – und das ist auch gut so.
Gefühle gehören zum Leben. Und Kinder, die ihre Gefühle laut zeigen, sind nicht „schwierig“, sondern in ihrer Entwicklung. Sie brauchen keine sofortige Korrektur, sondern ein sicheres Gegenüber, das sie begleitet. Und manchmal eben auch therapeutische Unterstützung, die nicht nur das Kind, sondern das ganze System im Blick hat.
Also ja: Ein ausgeglichenes Kind ist ein schöner Wunsch. Aber ein Kind, das Gefühle zeigen darf und daran wachsen kann – das ist viel wertvoller.
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