Psychische Probleme bei Jugendlichen: Wenn die Seele rebelliert – Warum immer mehr junge Menschen mit Ängsten, Zwängen und Depressionen kämpfen!
- Eva Tam -Systemische Kinderpsychotherapie

- 12. Juni 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Aug. 2025

Was ist da los?
Psychische Krisen bei Jugendlichen: Die neue Normalität?
Viele Jugendliche verhalten sich unauffällig – sie liefern ab, lächeln, erfüllen Erwartungen. Doch innerlich stehen sie unter chronischem Stress. Leistungsdruck, Reizüberflutung durch soziale Medien, Unsicherheiten in der Selbstwahrnehmung, Zukunftsängste und familiäre Spannungen summieren sich. Irgendwann wird der Druck zu groß.Dann reichen kleine Auslöser – ein Streit, ein schulisches Scheitern, ein enttäuschendes Erlebnis – und das sprichwörtliche Fass läuft über.
Typische Symptome:
Angstattacken, Rückzug, Schulverweigerung
Schlafstörungen, Essstörungen
Wasch- und Kontrollzwänge, Grübelzwang
Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Selbstverletzungen
Suizidgedanken – ernst gemeint und erschreckend früh geäußert
Zunehmend berichten Fachleute – und auch ich sehe es immer deutlicher in meiner Praxis –, dass Jugendliche plötzlich von heftigen Panikattacken geplagt werden, sich aus ihrem sozialen Umfeld zurückziehen, Zwangsgedanken oder -handlungen entwickeln oder an tiefer Erschöpfung und depressiven Verstimmungen leiden.
Dabei zeigen Mädchen häufig eher nach innen gerichtete Symptome wie Selbstzweifel, selbstverletzendes Verhalten oder Essstörungen. Jungen hingegen äußern ihre Belastung oft durch Reizbarkeit, oppositionelles Verhalten oder aggressiven Rückzug. Besonders besorgniserregend ist der Anstieg von Suizidgedanken und -ankündigungen – und das nicht nur bei offensichtlich stark belasteten Jugendlichen, sondern auch bei solchen, die nach außen hin als leistungsstark und „funktionierend“ gelten.
Was läuft da eigentlich schief? – Wenn der Alltag Jugendliche krank macht
Die Ursachen für die Zunahme psychischer Krisen bei Jugendlichen sind komplex – und doch zeigen sich bestimmte Muster immer wieder. In meiner Praxis begegnen mir täglich junge Menschen, die unter einem enormen inneren Druck stehen. Viele fühlen sich, als müssten sie funktionieren, perfekt sein und alles gleichzeitig schaffen – und verlieren dabei den Kontakt zu sich selbst.
Schule als Dauerstress: Zwischen Druck, Bewertung und Versagensangst
Das Schulsystem ist heute mehr denn je auf Leistung, Vergleich und Standardisierung ausgerichtet. Besonders auf Gymnasien beobachte ich häufig Perfektionismus, übermäßige Selbstkritik und die ständige Angst, nicht gut genug zu sein. Wer sensibel, kreativ oder etwas langsamer ist, gerät leicht ins Hintertreffen. Die individuelle Förderung bleibt oft auf der Strecke – stattdessen erleben viele Jugendliche Schule als Ort permanenter Bewertung.
Krisen überall – und kein Raum zum Durchatmen
Pandemie, Klimakrise, Kriegsbilder, Inflation – was früher weit weg schien, ist heute täglicher Begleiter in Nachrichtenfeeds und Gesprächen. Jugendliche spüren, dass die Welt instabil wirkt – viele fühlen sich überfordert, ohnmächtig oder sogar verantwortlich. Existenzielle Ängste schleichen sich ein – oft still, aber stetig.
Always on: Wenn Social Media zur Dauerbelastung wird
Instagram, TikTok & Co. liefern rund um die Uhr Bilder von perfekten Körpern, glücklichen Gesichtern und scheinbar makellosen Leben. Jugendliche vergleichen sich unbewusst – und schneiden fast immer schlechter ab. Das ständige Scrollen wird zum emotionalen Risiko: soziale Ängste, Selbstzweifel, depressive Gedanken und Körperunsicherheit nehmen zu.
Wenn Eltern nicht mehr ankommen – weil sie selbst kämpfen
Viele Eltern jonglieren zwischen Arbeit, Familie, Erwartungen und eigenen Sorgen. Oft fehlt schlicht die Kraft, wirklich präsent zu sein. Und selbst wenn Eltern es gut meinen, können sie ungewollt hohen Leistungsdruck auf ihre Kinder übertragen – durch Erwartungen, unbewusste Vergleiche oder eigene Ängste.
Bildungsnähe schützt nicht – manchmal macht sie es sogar schwerer
Gerade in hochakademisierten Familien wird viel Wert auf Leistung, Zielorientierung und Disziplin gelegt. Themen wie emotionale Resilienz, Selbstfürsorge oder psychische Gesundheit stehen seltener im Fokus. Fehler gelten oft als Schwäche statt als Chance – dabei wären sie so wichtig, um psychisch gesund aufzuwachsen.

Suizidgedanken
Wichtig ist: Suizidgedanken bei Jugendlichen müssen immer ernst genommen werden und gelten als Notfall. Fachlich wird zwar zwischen konkreten Suizidvorbereitungen und Suizidgedanken unterschieden, doch als Eltern können Sie diese Unterschiede nicht sicher einschätzen oder bewerten. Deshalb sollten Sie jede Äußerung von Suizidgedanken als akuten Notfall ansehen und sofort handeln.
In solchen Situationen ist es entscheidend, dass Ihr Kind schnellstmöglich einem Kinder- und Jugendpsychiater oder Psychologen vorgestellt wird. Im akuten Notfall ist eine Klinik die richtige Anlaufstelle – auch wenn hier leider häufig Kapazitätsengpässe bestehen.
Eltern können jedoch schon vor dem Termin viel tun:
Sprechen Sie Ihr Kind offen und ohne Vorwürfe auf das an, was Sie gehört haben. Vermeiden Sie Schuldzuweisungen wie „Wir haben dir doch alles ermöglicht“ oder „Das kannst du uns doch nicht antun“. Zeigen Sie stattdessen Verständnis, nehmen Sie die Aussagen ernst und versichern Sie Ihrem Kind, dass es nicht allein ist. Planen Sie gemeinsam, wie Sie die Situation bewältigen können, und sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind nicht alleine ist oder schädlichen Einflüssen ( Alkohol, Drogen) ausgesetzt wird.
Zusammengefasst:
Aussagen nicht abtun oder kleinreden.
Sofort professionelle Hilfe suchen, etwa bei Kinder- und Jugendpsychotherapeuten oder Kinderpsychiatern.
Angebote wie die „Nummer gegen Kummer“, krisenchat.de oder örtliche Notdienste nutzen.
Hausärzte oder Schulsozialarbeiter als Ansprechpartner einbeziehen.
Je früher Hilfe erfolgt, desto besser die Chancen auf Stabilisierung. Suizidgedanken sind ein ernstzunehmendes Alarmsignal – sie markieren nicht das Ende, sondern den Beginn eines Weges aus der Krise.
Warum entwickeln Jugendliche solche schweren Gedanken?
(Psychische Probleme bei Jugendlichen: Wenn die Seele rebelliert – Warum immer mehr junge Menschen mit Ängsten, Zwängen und Depressionen kämpfen!)
Jugendliche stehen heute unter enormem Druck – nicht nur in der Schule, wo Leistung und Noten häufig das Maß aller Dinge sind, sondern auch im sozialen Umfeld. Der ständige Vergleich mit Gleichaltrigen, der Wunsch, akzeptiert zu werden, und die Angst vor Ausgrenzung können große Unsicherheiten und Ängste hervorrufen. Hinzu kommen innere Konflikte, die Unfähigkeit, Gefühle angemessen zu verarbeiten, und das Gefühl, von den eigenen Eltern oder Freunden nicht richtig verstanden oder unterstützt zu werden.
Viele Jugendliche erleben eine Überforderung, die sie allein kaum bewältigen können. Wenn Belastungen wie familiäre Konflikte, Trennungserfahrungen, Mobbing oder andere traumatische Erlebnisse dazukommen, wächst der innere Druck weiter an. In solchen Momenten fühlen sich viele verloren, hilflos und sehnen sich nach einem Ausweg – auch wenn dieser Ausweg für Außenstehende oft schwer nachvollziehbar oder beängstigend ist.
Welche Therapie: Welche Formen helfen?
Die Wahl der Therapieform hängt von Persönlichkeit, Problemlage und Umfeld ab.
Ein Überblick:
Systemische Therapie: Stellt Beziehungen und Kommunikation ins Zentrum, bindet Eltern oder das Umfeld mit ein. Besonders hilfreich bei emotionalen Krisen, familiären Spannungen, Ängsten oder Zwängen.
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Strukturiert, symptomorientiert und auf konkrete Verhaltensänderung ausgerichtet. Wirksam bei Angststörungen, Depressionen und Zwang.
Analytische Psychotherapie / Tiefenpsychologie: Betrachtet frühkindliche Prägungen und innere Konflikte. Besonders bei chronischen oder wiederkehrenden Belastungen geeignet.
Expansionszentrierte Psychotherapie (EPT): Ein neuartiger Ansatz, der auf emotionales Wachstum, kreative Potenzialentfaltung und bewusstes Erleben setzt – besonders bei jungen Erwachsenen interessant.
Was brauchen Jugendliche wirklich – und wo versagt unser System?
Viele Jugendliche brechen nicht einfach „plötzlich“ unter psychischen Belastungen zusammen – sie geraten schleichend in eine Spirale aus Überforderung, Druck, innerer Leere und dem Gefühl, nicht gut genug zu sein. Und ein großer Teil dieser Belastung entsteht dort, wo sie eigentlich gestärkt werden sollten: im Bildungssystem.
Gerade Gymnasien fördern häufig ein Klima ständiger Vergleichbarkeit und Optimierung. Noten, Klausuren, Bewertungen – kaum Zeit für individuelle Entwicklung, kaum Raum für Fehler. Der Mensch hinter der Leistung zählt immer weniger. Sensible Jugendliche geraten so in einen Zustand dauerhafter Anspannung. Wer still leidet, wird oft übersehen, wer sich verweigert, als „schwierig“ abgestempelt.
Auch emotionale und soziale Kompetenzen haben im eng getakteten Schulalltag kaum Platz. Es fehlt an geschützten Räumen, in denen Jugendliche lernen dürfen, mit Gefühlen wie Wut, Angst, Traurigkeit oder Scheitern umzugehen – ohne sofort als „verhaltensauffällig“ zu gelten. Das Bildungssystem ist in vielen Bereichen überlastet, die Lehrpläne überfrachtet, und psychologische Unterstützung ist meist Mangelware.
Hinzu kommen Medienüberflutung, die ständige Reizbeschallung durch TikTok & Co. und ein Alltag, der immer schneller wird. Es gibt kaum Rituale der Entschleunigung – weder im Schulalltag noch zuhause. Viele Eltern sind selbst erschöpft, überfordert oder im Dauerstress zwischen Karriere und Care-Arbeit. Und genau das spüren Kinder.
Der Wandel muss nicht nur im Kind stattfinden – sondern auch in seinem Umfeld. Schule, Elternhaus, Gesellschaft: Alle sind gefragt. Denn psychische Gesundheit ist kein Luxus, sondern eine Grundvoraussetzung für Bildung, Entwicklung und Zukunft.
Studien & Daten:
Laut DAK-Kinder- und Jugendreport 2023 ist die Zahl psychischer Diagnosen bei 10- bis 17-Jährigen in den letzten fünf Jahren um über 30 % gestiegen.
Die COPSY-Studie des UKE Hamburg zeigt: Fast jeder dritte Jugendliche zeigt Symptome einer psychischen Belastung seit der Pandemie.
Eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung 2022 ergab, dass 60 % der Jugendlichen das Gefühl haben, vom Schulsystem überfordert zu sein.
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Bei uns gleiches Thema - unsere Schule ist gnadenlos leistungsorientiert unempathisch. Kein Gespür für Kinder, aber für Noten. Macht so Lernen Spaß? Es bedarf dringend einer Reform- lange kann das doch nicht mehr gut gehen.
👍 gut
Ich habe gerade den Beitrag gelesen, normalerweise kommentiere ich nichts, ich habe da normalerweise wirklich keinen Bock darauf, aber bei unserem Sohn mit schweren Zwangsgedanken mit depressiven Zügen haben wir bis auf eine extrem lange Diagnostik - noch keine Hilfe erhalten. Seit einem Jahr! Einfach lächerlich, was da gerade abgeht.
Uns geht es genauso im Raum Bonn. 😩
Verrückt das Ganze. 🤦♀️